Der wilde Kaiser
Es war einmal vor langer Zeit ein Mann, der schaffte es, durch dunkle Machenschaften, Erpressung, Intrigen und Bestechung zum Kaiser seines Landes zu werden.
Schließlich saß er auf seinem hohen Thron, gehüllt in Purpur und mit
einer goldenen Krone auf dem Kopf und brüllte Befehle. Er brüllte
z.B.:
"Feldmarschall, hebe Soldaten aus und mache einen Plan, wie wir
die Nachbarländer überfallen und ihre Schätze erbeuten!" Oder:
"Haushofmeister, suche mir eine Frau, die jung, fruchtbar, schön und
reich ist! Und keine Abstriche – ich will Alles!" Und:
"Schatzmeister – erhöhe die Steuern, damit ich einen angemessenen Palast bauen kann!"
Sowie
"Baumeister! Zeichne mir Pläne für einen Palast, aber einen
großen!" Und weil er soviel brüllte, wurde er weit und breit Der
wilde Kaiser genannt. Aber schließlich wurde seine Stimme
angegriffen, und sein letzter gebrüllter Befehl war an seinen
Leibdiener gerichtet:
"Bring' mir einen Becher heiße Milch mit Honig!"
Dann wurde seine Stimme ganz leise. Doch auch als er leise sprach, wurden seine Befehle befolgt. Da erkannte er, dass er wirklich mächtig war.
Andere hätten vielleicht anders reagiert, aber dieser Kaiser lachte. Er lachte einen Tag, eine Nacht und noch einmal einen halben Tag. Danach weinte er zwei Tage und zwei Nächte. Und danach schlief er sieben Tage und sieben Nächte. Während er schlief, hatte er viele Träume.
Und als er erwachte, hatte er einen klaren Blick und eine leise, angenehme Stimme, und er rief die weisesten Menschen seines Landes zusammen und befahl ihnen, neue Wege zu entwickeln, wie sein Land in Frieden und sein Volk in Wohlstand leben konnte, und diese Wege wurden Wirklichkeit.
Nach mehreren Jahren stellten die Nachbarn fest, dass das Reich des wilden Kaisers friedlich und wohlhabend geworden war und schmiedeten Pläne, es zu überfallen und seine Reichtümer zu erbeuten. Und wieder rief der Kaiser die weisesten Menschen seines Landes zu sich, damit sie überlegten, wie man die Gefahr des Krieges bannen und mit den Nachbarn gut zusammenleben könne. Und auch diese Pläne gelangen, und es entstanden enge Verbindungen mit den Nachbarländern.
Der Kaiser war aber nicht etwa einer, der ein ruhiges, meditatives Leben führte. Nein, er liebte es auf die Jagd zu gehen, Wettkämpfe und Spiele zu veranstalten, sich mit Frauen des Lebens zu erfreuen und Vieles mehr, so dass er immer noch weit und breit Der wilde Kaiser genannt wurde.
Als er nun fühlte, dass er sterben müsse, wandte er sich ans Göttliche und sprach:
"Ich lebe so gerne auf dieser Welt – ich liebe die Menschen, die Tiere, die Wiesen und Wälder, das Wasser, die Sonne, den Mond und den Himmel. Bitte mach' es möglich, dass ich hier bleiben kann."
Und die Göttin lächelte. Sie verwandelte ihn in einen hohen Berg. Im Winter fällt der Schnee auf ihn und rinnt im Frühjahr als Wasser von ihm herab. Auf ihm und zu seinen Füßen erstrecken sich Wälder, Wiesen und Bäche, in denen viele Tiere leben. Über ihm geht die Sonne auf und wieder unter, leuchten der Mond, die Sterne, dehnt sich der freie Himmel aus.
Und die Menschen? Sie sind ihm treu geblieben und nennen auch diesen Berg den Wilden Kaiser.
August 2008